Aufkommender Populismus erschüttert das Davoser Weltbild der Eliten.

18.1.2017
von Jürg Müller
Die WEF-Teilnehmer erfreuten sich nie breiter Beliebtheit – als Bonzen im Schnee wurden sie schon bezeichnet. Die politischen Grossereignisse von 2016 stellen nun aber ihren Führungsanspruch grundsätzlich infrage.

Es ist schon etwas eigenartig, wenn die Elite über Elitenverdrossenheit redet. Einer solchen Diskussion hängt zwar automatisch ein etwas lebensferner Dünkel an; doch würde am diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos nicht über die aufkommenden populistischen Strömungen gesprochen, käme umgehend der Vorwurf der Realitätsverweigerung. So erstaunt es nicht, dass sich die WEF-Teilnehmer gleich an mehreren Anlässen dem Thema Populismus widmen. Als Auslöser wird dabei oft der von der Globalisierung abgehängte Mittelstand identifiziert.

«Zeitalter der Angst»

Zuerst zu den Fakten: «Die Mittelschicht wächst und schrumpft zugleich», meint etwa Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IMF). Während aus einer globalen Perspektive die Einkommensschere zwischen den Nationen sich schliesst, sieht das Bild innerhalb der Länder anders aus.

In den Entwicklungs- und Schwellenländern hat sich unlängst ein Mittelstand herausgebildet – daher die plötzliche Unterstützung für die Globalisierung aus Brasilien und China.

In den entwickelten Ländern wie den USA hingegen wird die Mittelschicht dünner. Damit steigt die Angst vor dem Abstieg. Der Mittelstand sei desillusioniert und fürchte sich vor der Zukunft, hört man an den Stehtischchen in Davos.

Generell scheint die Angst ins Bündner Bergdorf hochgekrochen zu sein. Gestandene Politiker stellen verunsichert fest, dass trotzige «Neins» die Debatte beherrschten. Die türkische Schriftstellerin Elif Şafak spricht gar vom «Zeitalter der Angst». Viele fühlten sich von den etablierten Politikern in solchen Zeiten nicht mehr vertreten.

Nicht alle im gleichen Topf

Der Elefant im Davoser Kongresszentrum ist natürlich Donald Trump. Doch auch am WEF kann nur gemutmasst werden, wie die Politik des neuen US-Präsidenten aussehen wird. «Wir wissen nicht, was der Plan ist – wenn es so etwas wie einen Plan überhaupt gibt», sagt Lagarde. Sie hat damit die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Trump-Wähler sind in Davos rar gesät. Das ist wohl das grösste Manko am diesjährigen Weltwirtschaftsforum: Alle reden über Populismus, doch kein echter Populist sitzt auf dem Podium…

Offenbar hört man erst jetzt in Davos die Sorgen des verunsicherten Mittelstands. In einem gewissen Sinne können also die jüngsten Entwicklungen positiv gelesen werden, haben sie schliesslich das Funktionieren der Demokratie gezeigt – doch gerade demokratische Strukturen könnten am Ende in Gefahr geraten.

Sind die Institutionen gefestigt?

Demagogen sind schliesslich keineswegs anti-elitär, sie sehnen sich einfach danach, die bestehende Elite abzulösen. Als Retter der Demokratie getarnt, könnten sie diese langfristig unterhöhlen. Für die Türkin Şafak ist klar, die Geschichte habe wiederholt gezeigt, dass Populisten den Staatsapparat für sich umzufunktionieren wissen, kaum sind sie an der Macht. «Ich will nicht, dass Europa den gleichen Fehler macht», sagt sie und vermeidet, explizit auf ihr Heimatland zu verweisen.

Als Europäer wäre es ohnehin zu bequem, sich damit zu trösten, dass die Demokratie am Bosporus schon immer einen schweren Stand hatte. Auch in Westeuropa waren noch während der ersten Ausgaben des Weltwirtschaftsforums in den 1970er Jahren Diktatoren an der Macht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Institutionen stark genug sind, den derzeitigen Strukturwandel demokratisch zu bewältigen – und ob die Europäische Union in diesem Prozess ein Segen ist oder wegen Konstruktionsfehlern genau das Gegenteil ihrer ursprünglichen Zielsetzung bewirken wird.
https://www.nzz.ch/wirtschaft/weltwirtschaftsforum-2017-aufkommender-populismus-erschuettert-das-davoser-weltbild-ld.140634

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