Die SOZ wird zu einem Machtzentrum Eurasiens

27.06.2016
Von Peter Akopow

>http://www.globalisierung-zaehmen.de/globalisierung163.html
>https://bernhardnolte.wordpress.com/category/allgemein/page/4/

Auf dem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Taschkent wurden Indien und Pakistan endgültig in die Reihen der SOZ aufgenommen. Und die SOZ wird unwiderruflich aus der regionalen russisch-chinesischen zu einer transasiatischen Vereinigung d.h. zu einer globalen Struktur. Noch keine Anti-NATO, aber auch kein Nettigkeiten-Austausch-Club von Nachbarländern.

Der Ministerpräsident Indiens und der Präsident Pakistans werden in Taschkent Dokumente über die Verpflichtungen ihrer Länder beim Eintritt in die SOZ unterzeichnen und ab jetzt wird die Organisation nicht sechs, sondern acht Teilnehmer zählen. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung, die drei größten und stärksten Länder Eurasiens, vier nukleare Mächte – das ist die neue SOZ.

Die SOZ entstand vor 15 Jahren: Vier ehemalige sowjetische Republiken im Mittleren Asien (mit Ausnahme des neutralen und unabhängigen Turkmenistan) beschlossen, zusammen mit China und Russland gemeinsam für die Sicherheit in der Region zu sorgen…
Die SOZ wurde als regionale Struktur angedacht. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR war es Russland und China wichtig, dass die zentralasiatischen Staaten nicht zu einer Zone der Instabilität und einer Base für eine Vielzahl von Anti-China und Anti-Russischen Kräften würden.

Zu dem würden, was in gepflegter diplomatischer Sprache als internationaler Terrorismus, Drogenhandel und Separatismus bezeichnet wird. In der Sprache der Geopolitik heißt das, dass Russland und China die Einmischung äußerer Kräfte in die Region Zentralasien verhindern wollten.

Und es ist klar, welche äußeren Kräfte: Von radikalen Islamisten angefangen bis hin zu den angelsächsischen Geheimdiensten (zumal es manchmal schwer ist zu trennen, wo Letztere enden und Erstere beginnen).

Darüber hinaus war es Russland und China wichtig, nicht in irgendwelche Kämpfe um Macht und Einfluss im nach-sowjetischen-Asien hineingezogen zu werden und in dieser für beide Länder wichtigen Region dritten Kräften keine Möglichkeit zu bieten Russisch-Chinesische Konfrontationen zu entfachen.

Für Russland ist und bleibt Zentralasien nicht einfach nahes Ausland, sondern auch Garant für die Sicherheit des Südens des Landes. Für China ist diese Region auch extrem wichtig, weil es neben dem Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang liegt, der größten muslimischen Autonomie Chinas. Eine Destabilisierung der Lage in diesem Gebiet wäre wichtigster Punkt in der Prioritätenliste chinesischer Widersacher.

Russland und China nahmen Mittelasien in dem Moment unter ihre Fittiche, als die mögliche Instabilität in neu gebildeten Staaten der Region als Hauptproblem erdenklich schien. Bald aber stellte sich heraus, dass die SOZ ganz unerwartet einen neuen Nachbarn bekam.

Im Jahr 2001 erfolgte die US-Invasion in Afghanistan, eine bekannte und beliebte Form von US-Entwicklungshilfe, per Bombardements und Besetzung ganz uneigennützig Frieden und Demokratie in wahrlich zurückgebliebene Länder zu exportieren. Moskau stand nicht gegen die Operation auf, die Taliban waren für Russland keine legitime Regierung dieses Landes und der vorgeblich zu ergreifende Herr Osama Bin Laden stand auch auf russischer Fahndungsliste. Aber die Tatsache der Besetzung Afghanistans durch die Amerikaner und ihre eifrige Koalition Williger konnte Russland und China nicht gerade beruhigen. Ihr Verdacht hat sich bestätigt, die USA kamen in die Region nicht der Taliban wegen und auch nicht wegen Terrorismus: Sie kamen, um diese strategisch wichtige Position zwischen Russland und China militärisch zu besetzen.

Ein paar Jahre Nichtsiegenkönnens in Afghanistan später wurde den USA zwar der Beobachterstatus in der SOZ entzogen, jedoch blieben die US-Amerikaner in der Region und wollen trotz ihres peinlichen politisch-militärischen Versagens offensichtlich immer noch nicht abziehen. Weder gelangen ihnen der Export von Frieden, noch der von Demokratie, nur das bewährte Chaos wurde ein dauerhafter Erfolg. Dadurch bleibt Afghanistan wie vor 20 oder vor 15 Jahren ein großer Kopfschmerz für die zentralasiatischen Staaten, in erster Linie für Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan. Die amerikanische Besatzung verringerte nicht etwa, sondern erhöhte die Bedrohung: die Taliban haben es gestärkt überlebt, es entstanden zusätzlich noch radikalere Islamistengruppierungen, die vom Islamischen Kalifat direkt vereidigt sind. Afghanistan war, ist und bleibt ein Fass mit Schießpulver und die Amerikaner wollen es nicht verlassen. Aber beileibe nicht wegen der Sorgen um die Sicherheit von anderen Ländern Zentralasiens.

Seit 15 Jahren hat die SOZ deswegen die afghanische Problematik nicht anpacken und lösen können. Dabei wurde die Islamische Republik Afghanistan selbst in der SOZ als Beobachter zugelassen. In diesem von den USA besetzten Land haben Russland und China weder die Möglichkeit noch den Wunsch etwas zu ändern. Die Aufgaben der Schanghaier Organisation haben sich im Laufe der Jahre erheblich erweitert. Die SOZ wird auch höchstwahrscheinlich bei der Lösung der afghanischen Frage ihr gewichtiges Wörtchen mitreden können. Dies geschieht in dem Moment, wenn die USA gezwungen werden, doch noch die faktische Niederlage zugebend die Flucht aus Afghanistan zu ergreifen, wenn das Land nicht mehr an der Schwelle zum, sondern im Bürgerkrieg steht.

Obwohl es sehr günstig für die Länder der SOZ wäre, dass die USA endlich Afghanistan verlassen hätten, rufen Moskau und Peking die USA dazu nicht offen auf. Sehend, dass die Lage eine sich demnächst selbstklärende, selbst erledigende ist, können sie die ressourcenschlingenden amerikanischen Basen dort gelassen hinnehmen, wohl wissend, dass sie mit hehren Aufrufen gegenüber Washington nichts bewirken könnten. Und nach den Amerikanern ein Land aus dem Chaos zu befreien und wieder aufzubauen ist ein undankbares Geschäft (obwohl sich am Ende die SOZ wahrscheinlich genau damit werden beschäftigen müssen).

Darüber hinaus kann man für die Lösung der afghanischen Probleme nicht ohne Pakistan auskommen: das Land ist der Schlüssel in jedem Thema der afghanischen Regelung. „AfPak“: So wird dieses Gebiet manchmal sehr treffend genannt.

Pakistan ist ein muslimisches Gebiet, ein historischer Teil von Indien, unter den Briten abgespalten, das an Afghanistan nahtlos angrenzt; gebirgiges Land, das zwischen den russischen und britischen Imperien lag. Schon vor den Sowjets und Amerikanern konnten die Engländer Afghanistan nicht einnehmen und waren gezwungen, es in Ruhe zu lassen, dafür haben sie einen Teil des Gebiets, das von den größten (und Staatsbildenden) Völkern Afghanistans, den Paschtunen abgeschnitten und dem bequemer zu diktierenden Pakistan per Stift und neuer Grenzziehung damit einverleibt. Teile und herrsche.

Nach der Bildung eines unabhängigen Pakistan betrachtete Afghanistan weiterhin das Land der Paschtunen als eigenes. Auch die Paschtunen selbst anerkannten niemals die Grenzen (die offiziellen). Getrennte Völker und Nationen, das ist ein wunderbares Werkzeug, um externe Manipulationen durchzuführen. Genau das passierte während des Krieges in Afghanistan, als genau aus dem Territorium von Pakistan heraus Amerikaner den Krieg gegen pro-Moskauer Kabul-Behörden und die sowjetische Armee organisierten, die damals in Afghanistan von der Kabuler Regierung gebetener Gast war. Heute bleibt Pakistan als Base für die Taliban, aber will längst nicht mehr drohnengemordeter US-Satellit bleiben.

Tatsächlich stand Pakistan jahrzehntelang unter dem stärksten Einfluss der Angelsachsen: Im Westen ausgebildeten Eliten wurde eingeredet, dass nur die USA Garant des Schutzes vor den Feinden ihres Landes sein könne. Und der größte Feind sei Indien, traditionell ein Verbündeter der UdSSR. Als dazu noch „die sowjetische Besetzung Afghanistans“ stattfand fühlten sich die pakistanischen Behörden von Feinden umzingelt.

Immer jedoch verhielt sich China sehr aufmerksam und freundschaftlich gegenüber Pakistan, widmete Islamabad ungeteilte Aufmerksamkeit als einem Gegengewicht zu Delhi, aber damals, in den 70-80er Jahren befand sich Peking im Streit mit Moskau und spielte gegen das sowjetische Russland, einschließlich in Afghanistan. Seitdem hat sich jedoch viel Grundsätzliches verändert. Pakistan erlebte einen zweiten afghanischen Krieg, wobei die Amerikaner absolut nicht mit der Bombardierung pakistanischen Territoriums, Drohnenmorden und auch mit seinem geheimdienstlich-militärischen Handeln auf dem Territorium ihrer Verbündeten gezögert hatten (man muss sich dabei nur an die Operation der Ermordung des Herrn Osama Bin Laden erinnern).

Antiamerikanische Stimmungen im islamischen Pakistan sind schon lange gang und gebe und dann ist Peking da und bietet zunehmend wirtschaftliche Zusammenarbeit und andere Projekte zu starten an. China ist bereit in Pakistan Dutzende von Milliarden von Dollar zu investieren (hat teilweise bereits investiert) und es zu einem der wichtigsten Länder der „Neuen Seidenstraße“ zu machen.

Die chinesisch-indischen Beziehungen verbessern sich, Russland beginnt mit der Lieferung von Waffen an Pakistan. Das heißt, Islamabad kann sich sicher fühlen, dass niemand in Zentralasien Krieg zwischen Pakistan und Indien haben will. Ganz im Gegenteil, Russland und China wollen die Verbesserung der pakistanisch-indischen Beziehungen befördern und das kann durch Eintritt, Mitgliedschaft und Zusammenarbeit von Delhi und Islamabad beim SOZ erreicht werden.

Natürlich wollen beide Länder nukleare Mächte bleiben und die territorialen Streitigkeiten zwischen ihnen bleiben bestehen. Aber nur ihre gemeinsame Teilnahme an dem russisch-chinesisch-zentralasiatischen Projekt kann grundsätzlich die Sicherheitsarchitektur in Asien verändern.

Moskau und Peking können natürlich nicht alleinige Garanten für pakistanisch-indischen Frieden und Freundschaft sein, aber im Rahmen der SOZ wird es für Delhi und Islamabad grundsätzlich viel einfacher, eine gemeinsame Sprache bezüglich der Sicherheit zu finden.

Auch die gemeinsame Suche nach der Lösung des afghanischen Problems wird dazu beitragen. Und mit dem Beitritt des westlichen Nachbarn von Afghanistan, des Irans zur SOZ (statt in diesen Jahr könnte der Beitritt auch im Jahr 2017 stattfinden) können die Interessen fast ganz Mittel-und Südasiens im Rahmen der Shanghaier Organisation diskutiert werden.

„Wer das Herzstück kontrolliert (Russland, Zentralasien mit der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang, Iran und Afghanistan), der kontrolliert Eurasien, wer Eurasien kontrolliert, der kontrolliert die ganze Welt“,
so lautet einer der wichtigsten Merksätze der angelsächsischen Geopolitik. Die SOZ-Länder nähern sich dem zügig, um die Sicherheit im Kern des Asiens selbst zu kontrollieren.

http://www.fit4russland.com/geo-politik/1714-die-soz-wird-zu-einem-machtzentrum-eurasiens

 

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