Die Elite ist ratlos.

 

20.1.2017

von Michael Rasch

Die Welt steht kopf: Die Wut vieler Bürger verunsichert das Establishment, die USA driften in Richtung Protektionismus, und China feiert sich als Retter des Freihandels. Wie weiter mit der Globalisierung?

Die Welt der globalen Eliten ist in Unordnung geraten. Krisen sind zwar seit fast zehn Jahren der ständige Begleiter am World Economic Forum (WEF) in Davos. Doch nun droht die Wut der Globalisierungsverlierer die Welt der Gebildeten und Erfolgreichen durcheinanderzuwirbeln.

Was vor einem Jahr für viele unwahrscheinlich und für einige unvorstellbar war, ist inzwischen Realität, nämlich der Brexit und der damit möglicherweise beginnende Zerfall der EU sowie der Aufstieg der Populisten, mit Donald Trumps Wahl zum Präsidenten der grössten militärischen und wirtschaftlichen Macht der Welt als Höhepunkt.

Damit die neue Realität nicht zur neuen Normalität wird, ist dringend ein Umdenken gefordert.

Doch in welche Richtung?

In Davos war zu dieser Frage überwiegend Ratlosigkeit zu beobachten.

Freihandel und Globalisierung haben das Leben von Hunderten Millionen von Menschen verbessert. Die Armut ist in den vergangenen fünf Jahrzehnten laut Schätzungen um rund 80% gesunken, gemessen an der Anzahl Menschen weltweit, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Sehr viele davon lebten in China. Doch es gibt auch Verlierer dieses Prozesses.

Während sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern der Lebensstandard für viele Menschen enorm erhöht hat und sich ihre Kinder begründete Hoffnung auf noch bessere Lebensgrundlagen machen können, gibt es in vielen Industriestaaten Gruppen von Menschen, deren Leben stagnierte oder sich verschlechterte.

Diese tatsächlich oder auch nur gefühlt Abgehängten bekommen durch den Aufstieg der Populisten eine Stimme, die ihnen zuvor gefehlt hat. Zwar war längst bekannt, dass es in den westlichen Industriestaaten auch Verlierer der Globalisierung gibt. Doch ihre Zahl und ihre Wut wurden ganz offensichtlich von «denen da oben» unterschätzt. Zu denen da oben gehören überwiegend auch die rund 3000 Teilnehmer des WEF im Bündner Bergdorf.

Die tatsächlich oder auch nur gefühlt Abgehängten bekommen durch den Aufstieg der Populisten eine Stimme

Dabei profitieren auch die vermeintlichen Verlierer in vielfältiger Form, nämlich von niedrigen Preisen für eine immer unüberschaubarer werdende Zahl von Produkten. Diese wurden oft in Ländern mit geringeren Löhnen produziert, so dass sie in Industriestaaten zu tiefen Preisen verkauft werden können. Arbeitsteilung und Spezialisierung in Zusammenhang mit Freihandel sind seit Jahrhunderten die Basis für eine effizientere Produktion und eine Steigerung des Wohlstandes.

Doch diese segensreichen Wirkungen der Globalisierung sind den Frustrierten, die das Glas halb leer sehen, zu wenig bewusst, oder sie gewichten die damit einhergehenden (negativen) Effekte stärker.

Zu Letzteren gehören in entwickelten Staaten in vielen Branchen der Wegfall von Arbeitsplätzen sowie der Zuzug von Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Darüber hinaus sorgen in den einzelnen Ländern oft spezifische Faktoren für Verdruss, seien es – nebst vielem mehr – der Untergang der heimischen Industrie, die Bevormundung aus Brüssel oder die ungeordnete Aufnahme von Flüchtlingen.

In einer paradoxen Situation

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben zu einer paradoxen Situation geführt: In Davos wird mit Erstaunen bis Entsetzen auf den Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump geschaut, dessen Äusserungen befürchten lassen, dass es im Kernland des Kapitalismus zu einer Renaissance von Isolationismus, Nationalismus und Protektionismus kommt. Zugleich wurde der erste Auftritt eines chinesischen Machthabers bejubelt, der sich als Verteidiger von Freihandel und Globalisierung präsentierte, obwohl es sich bei China um eine Diktatur handelt und die Wirtschaft in vielen Bereichen noch stark abgeschottet ist. Doch es war im Davoser Kongresszentrum unübersehbar, dass das Reich der Mitte eine neue Stufe des Selbstbewusstseins erklommen hat.

Viele überzeugende Antworten, so es denn überhaupt welche gab, hat man in Davos nicht auf die neuen Fragen gehört. Vieles erinnert an ein Stochern im Nebel. Grossbritannien sucht sein Heil in einer noch stärkeren Globalisierung bei zugleich besserer Berücksichtigung der Interessen aller Gesellschaftsschichten. Das ist ein schwieriger Spagat. Je nachdem, wie schlecht oder gut dieser den Briten gelingt, könnte ihr Weg zum abschreckenden Beispiel für andere Nationen werden – oder zu einem neuen Vorbild.

https://www.nzz.ch/wirtschaft/world-economic-forum-2017-die-elite-ist-ratlos-ld.141010

 

Aufkommender Populismus erschüttert das Davoser Weltbild der Eliten.

18.1.2017

von Jürg Müller

Die WEF-Teilnehmer erfreuten sich nie breiter Beliebtheit – als Bonzen im Schnee wurden sie schon bezeichnet. Die politischen Grossereignisse von 2016 stellen nun aber ihren Führungsanspruch grundsätzlich infrage.

Es ist schon etwas eigenartig, wenn die Elite über Elitenverdrossenheit redet. Einer solchen Diskussion hängt zwar automatisch ein etwas lebensferner Dünkel an; doch würde am diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos nicht über die aufkommenden populistischen Strömungen gesprochen, käme umgehend der Vorwurf der Realitätsverweigerung. So erstaunt es nicht, dass sich die WEF-Teilnehmer gleich an mehreren Anlässen dem Thema Populismus widmen. Als Auslöser wird dabei oft der von der Globalisierung abgehängte Mittelstand identifiziert.

«Zeitalter der Angst»

 

Zuerst zu den Fakten: «Die Mittelschicht wächst und schrumpft zugleich», meint etwa Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IMF). Während aus einer globalen Perspektive die Einkommensschere zwischen den Nationen sich schliesst, sieht das Bild innerhalb der Länder anders aus.

In den Entwicklungs- und Schwellenländern hat sich unlängst ein Mittelstand herausgebildet – daher die plötzliche Unterstützung für die Globalisierung aus Brasilien und China.

In den entwickelten Ländern wie den USA hingegen wird die Mittelschicht dünner. Damit steigt die Angst vor dem Abstieg. Der Mittelstand sei desillusioniert und fürchte sich vor der Zukunft, hört man an den Stehtischchen in Davos.

Generell scheint die Angst ins Bündner Bergdorf hochgekrochen zu sein. Gestandene Politiker stellen verunsichert fest, dass trotzige «Neins» die Debatte beherrschten. Die türkische Schriftstellerin Elif Şafak spricht gar vom «Zeitalter der Angst». Viele fühlten sich von den etablierten Politikern in solchen Zeiten nicht mehr vertreten.

Nicht alle im gleichen Topf

Der Elefant im Davoser Kongresszentrum ist natürlich Donald Trump. Doch auch am WEF kann nur gemutmasst werden, wie die Politik des neuen US-Präsidenten aussehen wird. «Wir wissen nicht, was der Plan ist – wenn es so etwas wie einen Plan überhaupt gibt», sagt Lagarde. Sie hat damit die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Trump-Wähler sind in Davos rar gesät. Das ist wohl das grösste Manko am diesjährigen Weltwirtschaftsforum: Alle reden über Populismus, doch kein echter Populist sitzt auf dem Podium…

Offenbar hört man erst jetzt in Davos die Sorgen des verunsicherten Mittelstands. In einem gewissen Sinne können also die jüngsten Entwicklungen positiv gelesen werden, haben sie schliesslich das Funktionieren der Demokratie gezeigt – doch gerade demokratische Strukturen könnten am Ende in Gefahr geraten.

Sind die Institutionen gefestigt?

Demagogen sind schliesslich keineswegs anti-elitär, sie sehnen sich einfach danach, die bestehende Elite abzulösen. Als Retter der Demokratie getarnt, könnten sie diese langfristig unterhöhlen. Für die Türkin Şafak ist klar, die Geschichte habe wiederholt gezeigt, dass Populisten den Staatsapparat für sich umzufunktionieren wissen, kaum sind sie an der Macht. «Ich will nicht, dass Europa den gleichen Fehler macht», sagt sie und vermeidet, explizit auf ihr Heimatland zu verweisen.

Als Europäer wäre es ohnehin zu bequem, sich damit zu trösten, dass die Demokratie am Bosporus schon immer einen schweren Stand hatte. Auch in Westeuropa waren noch während der ersten Ausgaben des Weltwirtschaftsforums in den 1970er Jahren Diktatoren an der Macht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Institutionen stark genug sind, den derzeitigen Strukturwandel demokratisch zu bewältigen – und ob die Europäische Union in diesem Prozess ein Segen ist oder wegen Konstruktionsfehlern genau das Gegenteil ihrer ursprünglichen Zielsetzung bewirken wird.

https://www.nzz.ch/wirtschaft/weltwirtschaftsforum-2017-aufkommender-populismus-erschuettert-das-davoser-weltbild-ld.140634

 

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