Wer nicht hört, kriegt Trump

20.01.2017

von Thomas Fricke
Über Jahre haben unsere Großökonomen die Kritik aus dem Ausland am deutschen Exportüberschuss verspottet. Jetzt droht Amerikas neuer Präsident, das Problem zu erledigen – ein deutsches Drama.

Der Hieb hat gesessen. Seit Donald Trump im Interview mit dem deutschen Fachorgan für Tiefenökonomie kundgetan hat, dass er notfalls auch deutsche Autobauer mit hohen Strafsteuern züchtigen will, wechseln sich helle Aufregung und stiller Trotz im heiligen Exportland ab. Wobei nicht ganz klar ist, was irrer ist: das, was Trump der „Bild“ da kurz vor seinem Amtsantritt über mangelnde deutsche Begeisterung für amerikanische Chevrolets gesagt hat – oder wie irrlichternd und ökonomisch hausbacken mancher hierzulande jetzt auf Chauvi-Tour macht. Motto: Der Deutsche ist halt beim Exportieren besser als ihr. Euer Problem

Dass wir ein Problem haben, weil wir viel mehr exportieren als anderswo einkaufen, ist ja keine Erfindung von Herrn Trump. Die Kritik gibt es seit Jahren und fachlich deutlich solider begründet – von Nobelpreisträgern, der OECD, dem IWF, der EU-Kommission und etlichen anderen. Nur dass das hierzulande bisher kaum einen zu interessieren schien.

Jetzt droht der neue US-Präsident die Störung in Revolverhelden-Manier zu beseitigen. Wer nicht hört, kriegt Trump. Das droht für Deutschlands Exportmodell weit fataler zu enden.

Von wegen postfaktisch. Es hat schon etwas Tragikomisches, wenn die Kollegen von der großen Volkszeitung zwar im Interview eifrig Trumps Aussagen richtigstellen, beim Fragen dann aber Deutschland einfach mal zum Weltmeister im Export machen – was wir bekanntlich seit Jahren nicht mehr sind. Das ist ja auch (beim Trump) nicht das Thema.

Rasant gewachsenes Ungleichgewicht

In der Kritik steht, dass wir gemessen an der beeindruckenden Höhe unseres Exports viel zu wenig bei anderen einkaufen. Die Bilanz zählt. Da hilft auch der Halbstarkenspruch nur bedingt, dass sich die anderen halt „anstrengen“ sollen, damit sie auch so „tolle“ Sachen exportieren, wie diese Woche tatsächlich in einer deutschen Wirtschaftszeitung zu lesen war…

Wenn sich der deutsche Überschuss (Achtung: nicht der Export, sondern der Saldo zwischen Export und Import) mit den USA seit 2000 fast verdreifacht hat, dann liegt das ja nicht daran, dass sich die Amerikaner heute vier Mal weniger anstrengen als 2000…

Das Auseinanderdriften hat ganz andere ökonomische Gründe. Etwa dass der Dollar seit 2010 im Schnitt um gut ein Fünftel teurer geworden ist – was deutsche Autos in den USA billiger macht (ohne dass wir uns dafür anstrengen müssen). Und dass Amerikas Regierende und Notenbanker die Konjunktur nach dem Crash 2008 ganz unschwäbisch angeschoben und gestützt haben – so dass die Leute mehr Geld hatten, ohne das sie ja auch keine deutschen Autos kaufen können. In dem irren Glauben, die Deutschen würden das umgekehrt auch machen. Nö, hier ist Schäuble-Doktrin. Ergebnis:

Die Konsumausgaben der Amerikaner sind seit 2009 doppelt so schnell gewachsen wie die der Deutschen. Da ist es kein Wunder, dass wir so viel mehr in die USA verkaufen als die bei uns. Da können die sich eben noch so doll anstrengen.

Nimmt man alles zusammen, liegt der Exportüberschuss, den wir mit dem Rest der Welt mittlerweile haben, bei 278 Milliarden Euro – macht fast neun Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das ist mehr als die Finnen in einem ganzen Jahr erwirtschaften. Und das wäre selbst dann auch für uns ein Problem, wenn das allein an mangelnder Leistungsbereitschaft sämtlicher Menschen außer uns läge.

Rekordhalter China

Wenn wir so viel mehr Geld im Export verdienen als Amerikaner und andere bei uns, heißt das nichts anderes, als dass die anderen per Saldo ständig Kredit aufnehmen, um unsere Sachen kaufen zu können (da sie das Geld für den Import ja nicht durch ebenso hohen Export zu uns verdienen).

Früher oder später geraten andere dann eben auch in (Schulden-)Krisen, was wiederum auf (vermeintliche) Erfolgsländer wie Deutschland zurückschlägt, die ihren halben Wohlstand darauf gebaut haben, dass anderswo Leute über ihre Verhältnisse leben, also auch weniger eigene Produktion und eigene Jobs haben. Womit wir wieder bei dem Herrn sind, der mit wüstem Poltern gegen so etwas und anderes die Wahl gewonnen hat und heute US-Präsident wird.

Die sanfte Methode wäre gewesen, unseren Import zu steigern, wie es die sachten Kritiker über Jahre angemahnt haben. Es gibt in den Schubladen weitsichtiger Ökonomen sogar Modelle, so dramatische Ungleichgewichte in den Handelssalden über gezielte Anreize gar nicht erst entstehen zu lassen.

Ein Modell für die Zeit nach Trump. Mit dem Antritt des polternden Milliardärs droht jetzt erst einmal die weit unsanftere Methode: der Ausgleich über Strafen auf deutsche Exporte und den einen oder anderen Handelskampf. Alarmstufe Rot.

Natürlich hätte es etwas Bizarres, wenn wir jetzt anfingen, aus Nettig- oder Unterwürfigkeit komische Autos zu kaufen. Und der Gedanke hat auch etwas Abenteuerliches, dass deutsche Autobauer bald Strafen zahlen, wenn sie aus Mexiko in die USA exportieren.

Umso mehr würde sich lohnen, hierzulande noch einmal darüber nachzudenken, wie wir bei uns viel mehr Geld ausgeben und damit auch importieren können. Für unser Wohl – nicht für das des neuen US-Präsidenten. Da wird dann der eine oder andere sicher auch einen schönen Chevrolet kaufen. Die Alternative könnte das Ende vom deutschen Exportmodell sein.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-gefaehrdet-das-deutsche-exportmodell-kolumne-a-1130804.html

Stürzt die Welt zurück in die Dreißiger?

Noch scheint unsere Welt eine andere als zur Zeit früherer Crashs und Kriege. Es gibt aber immer mehr Parallelen. Ein US-Präsident Trump könnte eine neue, globale Katastrophe auslösen.

Wenn die Amerikaner am Dienstag ihren neuen Präsidenten wählen, könnte Donald Trump gewinnen – ein Präsident mit wirren Einmauerungsideen und hohem Aggressionspotenzial. In normalen Zeiten wäre das verkraftbar, zumal Trump dann nie so weit gekommen wäre. Anno 2016 ist das anders.

Da droht der Wahlausgang die Welt über Nacht ein Stück an ein ziemlich düsteres Szenario heranzubringen: die Wiederholung eines Menschheitsdramas, ähnlich dem der Dreißigerjahre – ein Drama, dessen Ursprünge wie heute in den Auswüchsen der Jahrzehnte zuvor lagen. Natürlich nicht in E-Mails.

Noch scheinen die Unterschiede zu den düstersten Zeiten groß. Nur glitt die Welt auch damals erst allmählich und dann plötzlich rapide ab. Schon jetzt zeigen sich fast unbemerkt stetig mehr Parallelen.

Die Welt war schon mal so globalisiert wie heute

Heute wie damals gingen den düsteren Zeiten ein paar Jahrzehnte scheinbar unbeschwerter Globalisierung voran. Nach Berechnungen von Ökonomen waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Grenzen so offen und die Märkte weltweit in etwa so stark integriert wie dann erst wieder nach drei Jahrzehnten erneuter Globalisierung im Jahr 2000. Was viele Vorteile brachte. Die Leute brauchten zum Reisen nicht einmal Pässe.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes beschrieb später einmal, wie bequem ein Londoner damals beim Teetrinken per Telefon rund um den Globus Sachen bestellen konnte, die vor seine Haustür gebracht wurden (wahrscheinlich von DHL). Und dass er von Kriegen bestenfalls in der Tageszeitung las.

Nur, dass das Ganze damals wie heute wirtschaftlich dramatische Kehrseiten hatte. Damals wie heute standen den Gewinnern eine Menge Verlierer gegenüber, die in den großen Umbrüchen ihre Arbeit verloren, wackelige Jobs hatten oder kaum Einkommen dazu gewannen. Was umso dramatischer wirkte, als die Reichen dank Liberalisierung unfassbar reicher wurden.

Ende der Zwanzigerjahre strichen die reichsten zehn Prozent der US-Bevölkerung ein Einkommen in Höhe von fast 50 Prozent des gesamten Nationaleinkommens ein, wie der französische Ökonom Thomas Piketty berechnet hat – ein absurder Höchstwert, der (erst) im erneuten Globalisierungswahn wieder erreicht wurde. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entsprachen die Privatvermögen in Europa der Leistung ganzer Volkswirtschaften über sechs bis sieben Jahre. Irre. So ähnlich wie – nach den deutlich sozialeren Nachkriegsjahrzehnten – 2010 wieder.

Je liberaler die Regeln, desto größer der Einfluss von Spekulanten

Je liberaler es zuging, desto größer wurde auch der Einfluss der Finanzjongleure – und die Zahl der spekulationsbedingten Abstürze ganzer Volkswirtschaften. Nach Auswertung von US-Wirtschaftshistorikern nahm die Zahl der Finanzkrisen bereits vor dem Crash 1929 stark zu, ähnlich wie seit der Finanzliberalisierung der Achtzigerjahre bis zum Lehman-Crash 2008, dem größten Crash seit: 1929.

Damals wurden Finanzjongleure so enorm überbezahlt, dass das durchschnittliche Gehalt von Bankern mehr als 50 Prozent über dem Schnitt aller Beschäftigten lag – ein Wert, der nach dem Krieg gegen Null tendierte. Und seit unserer erneuten Finanzglobalisierung wieder da (und noch höher) ist, wo er beim letzten Drama war.

Es spricht einiges dafür, dass in alledem auch der Kern für den wachsenden Unmut im Volk liegt. Je stärker der Einfluss der Finanzsphäre, desto stärker der Eindruck, dass die gewählten Politiker die Kontrolle verlieren. Damals kam es regelmäßig zu Spekulationsattacken gegen einzelne Länder.

Damals wie in der jüngsten Vergangenheit wieder, galt nach herrschender Ökonomie-Lehre, dass jeder halt im Grunde selbst zusehen muss, wie er mit dem Wandel zurechtkommt. Stichwort Eigenverantwortung. Ein irrer Anspruch in einer Welt, in der selbst die Herrschenden die Kontrolle verlieren. Verantwortung kann man ja nur für etwas übernehmen, was man selbst einigermaßen beeinflussen kann.

Wie irre der Anspruch ist, wurde damals wie heute nach den Crashs offenbar – die durch Finanzspekulationen entstanden, deren Folgen aber auch Arbeitnehmer (die ihren Job verloren) und Steuerzahler gleichermaßen zu spüren bekamen.

Dem Crash folgt der Rechtsruck

Danach korrigierte die Politik aber nicht mit kühlem Kopf die unerwünschten Nebenwirkungen der Globalisierung. Stattdessen folgte eine Kaskade fataler Reflexe, die sich mehr oder weniger dumpf gegen alles Internationale richteten. So erließen die USA Gesetze gegen Zuwanderung – aus Sorge vor europäischen „Wirtschaftsmigranten“ und Überforderung durch „zu viele europäische Kulturen“, wie der britische Historiker Harold James erklärt.

Die Konsequenz: Nur noch ausgewählte Nationalitäten durften rein – worauf andere Staaten die Amerikaner nicht mehr reinließen. Heute passiert ähnliches: ständig werden Asylgesetze verschärft – oder gleich Stacheldrahtzäune errichtet und Mauerfantasien gepflegt.

Damals folgte dem Börsen- und Bankencrash politisch fast überall in Europa ein Rechtsruck. Tendenz: wie heute. Kein Zufall, wie systematische Auswertungen von Historikern ergeben haben. Demnach gewinnen rechte Parteien nach Finanzkrisen bei Wahlen im Schnitt 40 Prozent Stimmen hinzu. Die Trumps, Le Pens, Hofers und Petrys danken.

In den Dreißigern stieg wie heute die Zahl der Länder, in denen national-rechte bis autoritäre Politiker die Macht übernahmen. Heute zeigen die Führungsleute in Russland, der Türkei, Ungarn und Polen, dass die Regel auch im 21. Jahrhundert noch zu gelten scheint. Wer weiß, nächste Woche vielleicht auch in den USA. Alarm.

Wirtschaftspolitisch folgten auf die Krise des Liberalismus nicht Versuche, die Fehlentwicklungen einer unkontrollierten Globalisierung zu beheben – sondern mehr oder weniger fatale nationale Reflexe. Andere Zeiten? Naja.

1931 waren es die Briten, zuvor noch große Verfechter des Liberalismus, die als erste den Goldstandard verließen – jenen Währungsverbund, der die Globalisierung lange ermöglichte. Sozusagen ein Ur-Brexit. Jene Briten, die auch diesmal in guten Zeiten noch für möglichst offene Grenzen (auch für polnische Arbeiter) warben, um jetzt als erste die Grenzen (für besagte) zumachen und den EU-Verbund verlassen zu wollen.

Anno 1931 löste der Früh-Brexit eine fatale Kettenreaktion aus. Die Franzosen erhöhten zur Strafe die Zölle, andere werteten ihre Währungen wieder ab. Es folgte ein Wettlauf der Abwertungen und Abschottungen. Und der Kollaps des Welthandels.

Wenn etwas gruseln lässt, dann die Geschwindigkeit, mit der die Schwellen damals fielen und der Absturz an Dynamik gewann. Immerhin war jene Zeit noch nicht so lange her, wo man beim Tee mal eben Waren rund um den Globus bestellte – und die eher an heute erinnert. Irgendwann habe überall die Haltung vorgeherrscht, dass „im Grunde alles gestoppt werden sollte, was sich über Grenzen hinwegbewegt“, so Harold James. Ende der Globalisierung.

Nach Diagnose des französischen Historikers Pierre Milza trug zur politischen Eskalation in den Dreißigern bei, dass sich überall „die Mittelschicht, getrieben von Abstiegsängsten (ins Proletariat), radikalisierte“; das Bürgertum „zurück wollte in eine (verklärte) Welt, in der jeder wieder seinen vorbestimmten Platz hat“; und sich „die Eliten als unfähig erwiesen, auf die tiefe Krise (des Liberalismus) zu reagieren“. Sätze, die auch aus einer deutschen Talkshow anno 2016 stammen könnten. Oder aus dem Wutprogramm der Trumps.

Noch ist Zeit, die Krise dieses Mal besser zu bewältigen

Apropos post-faktisch. In den Dreißigern sei plötzlich auch alles Rationale und Wissenschaftliche beschimpft worden, so Pierre Milza. Die Lügenpresse sowieso. Und es gab ein Comeback der Instinkte und regionalen Traditionen. Katalonien. Schottland. Bayern. Alles wieder im Angebot. Gruselig.

Klar lassen sich immer noch eine Menge Unterschiede finden. Das Internet etwa, das heute eine ganz andere internationale Verständigung ermöglicht – aber auch den Irren nutzt. Auch ein paar Jahrzehnte gelebte europäische Ferien. Für den Historiker James sind die Parallelen mittlerweile aber „erschreckend“.

Noch ist Zeit zu belegen, dass wir die Krise einer entgleisten Globalisierung am Ende diesmal besser bewältigen – und das angehen, was tatsächlich schiefgelaufen ist. Sprich: vor allem die Ursachen von Reichtumsgefälle, Globalisierungsängsten, Bankendominanz und verheerenden Finanzkrisen beheben.

Alles Dinge, für die unsere US-Freunde am besten Bernie Sanders hätten wählen müssen. Statt Grenzen zu schließen, plumpen Nationalismus zu zelebrieren und die Illusion einer heilen alten Zeit zu nähren – und damit nur alte Katastrophen zu wiederholen. Wie es in der Nacht auf Mittwoch bittere Realität werden könnte.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-und-die-wirtschaft-stuerzt-die-welt-zurueck-in-die-dreissiger-a-1119707.html

 

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