Trump-Berichterstattung „Unerträglich unprofessionell“

„Unerträglich unprofessionell“: Hans-Hermann Tiedje über die Trump-Berichterstattung deutscher Medien

11.01.2017

Im Gespräch mit Christopher Lesko kritisiert Hans-Hermann Tiedje die „katastophale Berichterstattung deutscher Haltungsjournalisten“ über Donald Trump. Tiedje sieht den künftigen US-Präsidenten als „Deal-Maker“, der „die Welt verändern wird“.

Hans-Hermann Tiedje, Ex-Chefredakteur von Bild und Bunte, Ex-Kohl-Berater und ehemaliger N24-Talk-Show-Moderator ist Ankeraktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der WMP AG.

 

Von Christopher Lesko

Hans-Hermann Tiedje, ich möchte mit Ihnen Eindrücke zu Donald Trump, seiner Wahl und der Berichterstattung deutscher Medien austauschen.

Hans-Hermann Tiedje: Das trifft sich gut…

Wie haben Sie die Berichterstattung deutscher Medien während des Wahlkampfes von Donald Trump und in der Wahlnacht selbst wahrgenommen?

Ich fand die Berichterstattung der wesentlichen Medien in Deutschland katastrophal. Ich stand in der Wahlnacht um viertel nach 4 auf und schaltete wechselweise ARD und ZDF ein, Clinton und Trump kämpften um diese Zeit um die Vorherrschaft in den Swing-States. Diese offenkundige Total-Entgeisterung von öffentlich-rechtlichen Haltungsjournalisten fand ich unglaublich. Anstatt zu informieren, wurden wir von ihnen mit Emotionen belästigt. Ich habe dann schnell auf CNN umgeschaltet: Ich wollte Fakten statt Entsetzen und Enttäuschung.

Ausdrücklich spreche ich von den kommentierenden sogenannten Journalisten und nicht von Frau von der Leyen oder Herrn Röttgen, die nur Ahnungslosigkeit zum Besten gaben: Ich meine jene deutschen Journalisten, die wieder mal das Medium Fernsehen missbrauchten, um ihrer wachsenden Fassungslosigkeit Ausdruck zu geben, anstatt ihrer Rolle zu genügen, nämlich zu informieren, kommentieren und zu moderieren.

Haben Sie bestimmte Journalisten im Kopf?

Die Kommentatoren dieser Nacht muss man sich nicht merken. Aber einer, der eigentlich nach seiner Agenda ein toller Journalist ist und zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, verkörpert genau den TV-Typus, den ich meine:

Claus Kleber, der verhinderte Spiegel-Chefredakteur und allabendliche Betroffenheitsmoderator des ZDF. Mögen Sie ihn?

Nein, Kleber ist ein Bündel penetrant-leiser Eitelkeiten. Ich mag Jens Riewa.

Kleber ist meiner Wahrnehmung nach inzwischen, leider, ebenso ein – wie sagt man? – Haltungsjournalist wie Dunja Hayali. Wie schon die Bezeichnung sagt – hier kommt es auf Haltung an. Aha. Ich bin doch nicht der Einzige, der abschaltet, wenn diese Dame auf dem Bildschirm erscheint. Ich kannte Hajo Friedrichs noch persönlich und habe immer seinen Satz im Kopf: „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein – nicht einmal mit einer guten“. Und Friedrichs war lange genug beim ZDF. Wo ist diese Definition von Journalismus geblieben?

Beim ZDF jedenfalls öfter nicht, aber auch nicht bei den großen Privaten.

Ich teile Friedrichs Satz so generalisiert nicht, obwohl ich auch kein Hayali-Fan bin: Ich finde ihre pseudo-beziehungsvolle Zurückhaltung anderen gegenüber hochaggressiv.

Was an dem Hajo-Friedrichs-Satz teilen Sie denn nicht?

„Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Das nenne ich miserablen Journalismus“

Journalisten sind keine Funktionsroboter, sondern Menschen mit Haltungen und Meinungen. Und Identifikation als wesentlicher Kern aller Medien ist an Personen gebunden.

Ja. Aber, wenn ich eine Meinung habe, schreibe ich auch „Meinung“ drüber. In der US-Wahlnacht war dies aber nicht so: Jede Zahl, jede Information transportierte Enttäuschung und Entsetzen. Das war unerträglich unprofessionell, CNN hat das um Längen besser gemacht. Auch bei CNN werden die wenigsten Journalisten Trump-Fans gewesen sein. Aber zurück zum deutschen Fernsehen. Schon in der Wahlnacht kam man auf die angeblich Schuldigen zu sprechen – die amerikanischen Meinungsforscher. Waren sie aber gar nicht: Ich habe die Ergebnisse der US-Umfragen regelmäßig online verfolgt. Die wiesen im Schnitt ein Gap von 0,5 Prozent bis zu 2,5 Prozent zugunsten von Hillary Clinton aus. Keiner sagte vorher: Hillary gewinnt in jedem Fall. Es gab unter den Meinungsforschern etliche, die prophezeiten, auch Trump könne gewinnen. Das wurde hierzulande völlig ausgeblendet, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte: Das nenne ich miserablen Journalismus.

In Summe also haben Ihrer Wahrnehmung nach deutsche Journalisten eher dürftig über den US-Wahlkampf berichtet?

Dass vier von fünf Journalisten politisch links von der Mitte beheimatet sind, das war schon vor 20 Jahren so. Dass jeder von ihnen Wünsche und Träume hat, akzeptiere ich völlig. Aber ein Bild zu zeichnen, innerhalb dessen nach einem angeblich guten Präsidenten Obama – der übrigens als Tiger startete und als Bettvorleger endete – Trump nur von ewig gestrigen, weißen Männern gewählt werden könnte und die Eliten vollständig hinter Frau Clinton stünden, das war schon vorab als paradox und völlig neben der Sache erkennbar.

Persönliche Haltungen haben das Meinungsbild im deutschen Fernsehen bestimmt, der wertfreie Journalismus kam unter die Räder. Das hat sich übrigens nach der Wahl Trumps keinen Deut verändert. Was immer er sagt, was immer er tut – den deutschen Fernsehwelterklärern ist es nie recht. Die Frage, warum Trump als Geschäftsmann so erfolgreich wurde, kann sich ein schlichter TV-Mensch nicht erklären, weil er selbst ist ja nicht erfolgreich. Stattdessen werden immer Geschichten von Trumps Pleiten erzählt, die es gar nicht gab. Der hat 300 Firmen oder mehr, und wenn eine schlecht läuft, macht er sie zu. Im Fernsehsprech heißt es dann: Trump ist pleite. Der ist so pleite, dass er jetzt US-Präsident ist.

„Medien müssen sich fragen, warum Konsumenten zu Ungunsten von Print, Radio und TV immer mehr dem Internet zuneigen“

Was halten Sie von den publizierten Erklärungs-Ansätzen, im Social Web habe man, gesteuert durch Bots und Algorithmen, zugunsten von Trump Impulse gesetzt, die seinen Wahlsieg erst ermöglichten?

Generell müssen Medien sich fragen, warum Konsumenten zu Ungunsten von Print, Radio und TV immer mehr dem Internet zuneigen. Als Rundfunk- oder Fernsehjournalist könnte man durchaus mal auf die Idee kommen oder diesen Gedanken eruieren: Vielleicht wollen die Menschen da draußen den Quatsch, den ich als Fernsehmensch ihnen so erzähle, nicht mehr hören?

Was die Bots und Algorithmen anbelangt: Die Wahrheit dahinter kann ich nicht einschätzen, dazu fehlt mir die Expertise. Was ich aber einschätzen kann, ist der Ablauf der Dinge:

Zuerst wurden die Meinungsforscher beschimpft, dann hielten unsere Kommentatoren Trump-Wähler für dumme, weiße, ältere Männer. Das ist zwar erkennbar Nonsens, eigentlich gar nicht diskutabel, aber so war es. Dann kam die Sache mit den Bots und Algorithmen, und als sich auch dieses als nicht belastbar erwies, fand man den wahren Schuldigen: Putin. Das ist der böse Bube vom Dienst, der ist schuld an allem, jetzt auch an Trump. Und neuerdings fürchten sich die gleichen Kommentatoren davor, dass Putin auch für Sigmar Gabriel die Wahl gegen Frau Merkel gewinnt. Das ist eine deutlich bessere Comedy als die von Böhmermann. Fehlt eigentlich nur noch ein Kommentator, der behauptet, Putin habe was gegen Frauen, siehe Clinton, siehe Merkel. Wladimir, was tust Du mir?

Auf Obamas Wahlkampf vor Jahren haben deutsche Medien optimistischer reagiert.

Als Barack Obama vor acht Jahren die US-Wahl grandios gewann, sprachen viele vom modernsten Wahlkampf aller Zeiten. Als er vor vier Jahren gegen Mitt Romney – der wäre übrigens damals mein Kandidat gewesen – siegte, fanden Medien und Öffentlichkeit Obamas Wahlkampf zumindest geschickt und intelligent. Nun kommt Trump, macht einen völlig anderen Wahlkampf und die gleichen Medien fragen sich, wie so einer auf eine solche Art gewinnen konnte. Die nächste Stufe der Realitätsverweigerung besteht darin, Trump nur noch als Clown wahrzunehmen. Immerhin wäre er der bestverdienende Clown aller Zeiten.

Und worin besteht die Realitätsverweigerung konkret? Ein befreundeter deutscher Vorstandschef erzählte mir vor Monaten, vor der US-Wahl, er sei über Landstraßen Floridas gefahren und habe über endlose Kilometer ein Pro-Trump-Schild neben dem anderen an den Straßen wahrgenommen. Keines für Hillary Clinton. Das hätte ich als Deutscher gerne mal im Fernsehen gesehen. Aber entweder hat mein deutscher CEO sich geirrt, was ich eher nicht glaube, oder die deutschen TV-Macher waren woanders. Wo auch immer.

Und Donald Trump kann ja den Fernsehleuten kein Unbekannter gewesen sein. Es gibt ihn seit circa 70 Jahren auf der Welt, und er ist seit etwa 40 Jahren eine über die Grenze der USA hinaus bekannte Größe, seit langem auch Fernsehmoderator. Ich sage das übrigens ohne Bewunderung für den Mann, und mir ist natürlich klar, dass er im Wahlkampf nicht immer die Wahrheit gesagt hat oder besser: Er hat öfter gelogen. Aber das haben andere auch. Ich erinnere an EU-Präsident Juncker und dessen Satz „Wenn es ernst wird, muss man lügen“.

Für mich existiert ein Eliten-Phänomen: Die politische Elite korreliert mit der Medien-Elite, und sie kommunizieren miteinander und nehmen sich wichtig und sind dann kollektiv überrascht von Wahlergebnissen wie in Amerika. Bei der Gelegenheit habe ich mal eine Frage an Sie.

„Durch die selektive Gäste-Auswahl in Talk-Shows wird sehr wohl Meinung manipuliert“

…Große Teile der Bevölkerung haben inzwischen eine völlig andere Wahrnehmung des öffentlichen Geschehens als ein wesentlicher Teil der die Medien gestaltenden Leute. Viele Menschen fühlen sich und ihre Wahrnehmungen in führenden Medien in Deutschland nicht mehr richtig abgebildet. Das hat überhaupt nichts mit dem Thema AfD zu tun. Ich spreche von einer schweigenden Mehrheit in allen Parteien inklusive der Linken, mit Ausnahme der Grünen. Deren herausragender Vertreterin Simone Peter wird keiner mehr helfen, nicht mal ein Arzt. Die irrt vor sich hin. Das Glaubwürdigkeitsproblem kann man durchaus auch an der Person Donald Trump deutlich machen: Die meisten Menschen wollen ihn nicht, sie finden ihn auch nicht sympathisch, sie halten ihn für dubios. Aber sie glauben nicht, dass er – wie von vielen Medien dargestellt – ein kompletter Idiot ist. Sonst wäre er nicht da, wo er ist. Glauben Sie denn, dass Trump ein Idiot ist?

Wir beide müssten zunächst miteinander vereinbaren, was das denn genau sein soll – ein Idiot. Selbst dann wäre meine Wahrheit: Ich kann es nicht einschätzen. Interesse an Menschen, politisches Feingefühl oder Berechenbarkeit bildeten für mich interessantere Fragen. Ist er Ihnen denn sympathisch?

Ausdrücklich nein. Wegen verschiedener Äußerungen von ihm, das ist ja klar, und weil er sich ständig inszeniert: Was ist echt an ihm? Was ist Schauspiel? Wie rational ist er, wie emotional? Aber ich kenne ja Menschen, die ihn gut kennen, zum Beispiel mein Freund Ulrich Marseille. Auch die halten Trump nicht gerade für einen Sympathieträger. Bei der Gelegenheit: Ich fand im Kontext der Trump-Berichterstattung einen Titel herausragend gut: „Das Ende der Welt (so wie wir sie kennen)“ als Spiegel-Titel. Sensationell. Da habe ich den Hut, den ich nicht aufhatte, gezogen.

Die Headline ist von einem Buch geklaut, das 2010 erschienen ist. Apropros Medien: Trump hatte ja während der Vorwahlen bekannte republikanische Mitbewerber diskreditiert: McCain sprach er Heldentum ab, weil der in Vietnam in Kriegsgefangenschaft geraten war. Wie sehr oder wie wenig hat Trump denn Ihrer Meinung nach den Medien-Einfluss eigener Companies für den Wahlkampf genutzt?

Da bin ich nur eingeschränkt urteilsfähig. Es gibt in den USA zumindest einen großen Sender – Fox News von Murdoch – der hinter ihm stand, die anderen überwiegend nicht. Trump hat seine Wahl against all odds und gegen alle orthodoxen Medien gewonnen, weil er von all diesen Medien schlechtgemacht und kleingeredet wurde.

…Trump hat innerhalb eines sechsmonatigen Wahlkampfes nach und nach das republikanische Feld aufgeräumt, und die deutsche Politik saß in der Wahlnacht da und verlautbarte: Wer ist denn das? Den kennen wir gar nicht. Eigentlich eine Schande und ein Beweis dafür, wie abgehoben und fern der Realität viele Politiker sind. Möglichkeiten, Trump zu begegnen, hätte es genug gegeben, wenn man nur gewollt hätte. Und seine Telefonnummern hätte Ulrich Marseille Befugten gern zur Verfügung gestellt.

Bei der Außenwirkung, die Trump betonte, verstehe ich, dass der Impuls, ihm hurtig zu begegnen, deutschen Politikern auch nicht in jeder Sekunde des Tages vollumfänglich zur Verfügung stand.

Mag sein. Aber was gerne vergessen wird, das sind die Menschen an Trumps Seite: beispielsweise der amerikanische Volksheld und Ex-New York-Bürgermeister Rudy Giuliani, der stets in seiner Nähe war, den ganzen Wahlkampf lang. Da kann man schon mal vorbeifahren als Politiker.

Zukunftsfähig?

Er wird die Welt verändern.

Geht es noch ein wenig abstrakter?

Natürlich wird er vieles, das er angekündigt hat, nicht verwirklichen: Natürlich baut er nicht die Riesenmauer an der Grenze zu Mexiko, oder er baut sie deutlich kleiner, wobei ich am Beispiel Mauer deutsche Medien bitte, Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, nicht miteinander zu vermengen: Die Berliner Mauer wurde gebaut, um Menschen an der Flucht aus der heruntergewirtschafteten SED-DDR zu hindern und ihnen gegebenenfalls in den Rücken zu schießen. Trumps Mauer wird auch nicht schön sein, hätte aber einen anderen Zweck: Nämlich Mexikaner von den USA fernzuhalten. Wobei in Medien in dem Zusammenhang ständig ein falsches Mantra gepredigt wird, nämlich, dass Mauern noch nie ein Problem gelöst hätten.

Soll ich Ihnen mal sagen, warum China heute so stark ist? Dass China sich mit seiner riesigen Bevölkerung zu einem monolithischen Block entwickelt hat, ist historisch ganz wesentlich der Chinesischen Mauer geschuldet. Sie hielt Feinde fern und die Chinesen unter sich. Es gibt also Mauern, die ihren Zweck erfüllen.

..und die die Umsätze US-amerikanischer Bauunternehmer steigern.

Was Mexiko angeht: In den USA leben schon 11 Millionen Mexikaner. Wenn die, auch die unregistrierten, wieder hinter der Mauer in Mexiko wären: Wer sollte dann zu welchen Bedingungen deren Arbeit in den USA erledigen? Ich weiß das nicht, aber Trump wird sich das überlegt haben. In jedem Fall wird er als Präsident die Welt verändern, weil er Politik völlig anders sieht. Er wird in Wochen und Monaten Dinge tun, die heute niemand erwartet. Natürlich wird er keinen Atomkrieg führen. Er ist ein Unternehmer und als solcher ein Deal-Maker. Oberflächlich betrachtet ausgestattet mit Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus. Diese Mehrheiten hat er jedoch nur, wenn er republikanische Politik macht. Der erste, der nicht jede Idee des Herrn Trump stützen wird, ist John McCain.

Noch zwei weitere, dann ist die Mehrheit im Senat weg…

Mir fällt auf, dass alle Menschen in der Sekunde, in der sie für das Trump-Kabinett ins Gespräch kommen, auf einmal als erzkonservativ, als fortschrittsfeindlich, als rechtsaußen oder ultra oder stockkonservativ oder reaktionär oder sowas bezeichnet werden. Auch ein Reflex von Medien, die jeden, der mit Trump zusammenarbeitet, als Rechten abstempeln. Dass Trumps Personal modern, erfolgsorientiert, leistungsbezogen, schnell und anpackend ist, können sich politische Redakteure beim Fernsehen offenbar nur schwer vorstellen.

Dabei ist ja nicht einmal Trump selbst ein Rechter – nehmen Sie TTIP, Trumps Haltung zum Freihandel, Trump und die Gewerkschaften. In der deutschen Medienwahrnehmung ist es aber so: Hier laufen 100.000 – wie ich finde bescheuerte – Linke herum und sind gegen TTIP. Aber jetzt, nachdem sich herausgestellt hat, dass Trump als erstes TTIP beerdigen wird, passt das diesen guten Menschen auch wieder nicht. Am liebsten wären sie jetzt für TTIP, nur um gegen Trump zu sein, was natürlich auch nicht geht. Das Thema hätte ich gerne mal öffentlich diskutiert: Sind die deutschen TTIP-Gegner nun dumm und Trump ist es auch, oder sind Trump und TTIP-Gegner besonders klug, und was haben sie gemeinsam. Wäre ‘ne spannende Diskussion, die aber nicht stattfindet, weil: Das passt naheliegend einigen Talkshow-Machern nicht in den Kram. Sie können mir folgen? Zu Tillerson: Ich glaube, er ist in erster Linie Amerikaner!…Er hat als Exxon-Chef seine Rolle ausgeübt, das wird er als Außenminister und Amerikaner nun so tun, wie es Trump vorgibt: America first.

Eine stumme Regel bei der Besetzung des Arbeitsministeriums sieht vor, Demokraten nominierten keinen Gewerkschaftsführer, Republikaner keinen Unternehmenschef. Trump nun holt Andrew Puzder ins Team: Chef der Fast-Food- Ketten Hardee’s und Carl’s Jr., Gegner des Mindestlohns und der Krankenversicherungspflicht für Angestellte. Für soziale Aspekte des Arbeitsmarktes wirkt dies, als nominiere man jemanden, der Fenster mit Vorschlaghämmern putzt.

Ach herrje… Trump macht alles Mögliche anders. Na und? Die Weltfirma Amazon, die bekanntermaßen im Besitz des Milliardärs Jeff Bezos ist, dem seinerseits auch die linksliberale „Washington Post“ gehört, streitet sich aktuell in Deutschland mit Verdi über den Mindestlohn. Der böse Bezos. Dieser Bezos ist aber auch ein ausgewiesener Trump-Gegner. Der gute Bezos. Ich nenne ihn beweglich. Warum soll man nun Mister Puzder Beweglichkeit absprechen? Trump selbst wird ja sogar dafür kritisiert, dass er auf sein Präsidentengehalt verzichten will. Neulich sagte mir eine Kollegin, diesen Hochmut finde sie zum Kotzen. Aber John F. Kennedy hat auch darauf verzichtet, und Edgar Hoover ebenfalls, und niemand hat sie deshalb kritisiert. Trump aber wird es vorgeworfen. Das ist schon wie ein Komplex oder eine Hybris bei manchen Menschen. Warum freut man sich nicht einfach darüber?

Trumps Wahlkampagne fokussierte ja Misstrauen gegen Großbanken und die Wall Street. Nun soll Steven Mnuchin, früher Hedge Fonds- Manager bei Goldman Sachs, Finanzminister werden. Klingt das für Sie nicht nach einem logischen Knick in Fragen der Haltung?

Die Antwort ist ganz einfach.

Das ist gut.

Die Nagelprobe ist und bleibt die praktische Politik. Macht Trump eine soziale Politik den Leuten gegenüber, denen er versprach, es werde ihnen besser gehen, dann ist auch wurscht, welches Kabinetts-Mitglied mit welcher Biographie diese Politik verantwortet. Lassen Sie uns einfach mal ein halbes Jahr abwarten…

Was bedeutet die Trump-Wahl für Frieden, Stabilität und Kooperation in der Welt, gerade an der Schnittstelle zu Russland und Putin?

Schwer einzuschätzen. Ich unterstelle, dass Trump auf verschiedenen Baustellen der Welt Putin als seinen natürlichen Partner sieht.

Das wäre in Ihrer Logik auf der guten Seite?

Das kann sehr gute Auswirkungen haben oder auch nicht. Verliert Trump zum Beispiel das Interesse an Osteuropa und den baltischen Staaten, wird das in Ländern wie Lettland mit einem Drittel von Stalin zwangsangesiedelter russischstämmiger Bevölkerung berechtigten Grund zu großer Sorge verursachen. Dass die Menschen dort sich fürchten ist ebenso klar wie die Furcht der Polen: Im Bereich Kaliningrad, dem alten Königsberg, sind jede Menge russische Atomwaffen stationiert. Übrigens weniger als 300 Kilometer von Warschau entfernt und 550 Kilometer weg von Berlin. Also verstehe ich natürlich die Sorge, Putin und Trump könnten Deals machen zu Kosten Dritter unter der Überschrift: Du kümmerst Dich um Venezuela und ich mich um die Ost-Ukraine. Hoffen wir das beste für die Ukraine, die baltischen Staaten und Polen. Für Frau Merkel wird da künftig wenig mitzugestalten sein. Für unsere Kanzlerin wird 2017 ein eher unerfreuliches Jahr, was ihre Bedeutung in der Welt anbelangt. In Trumps Stil liegen Gefahren und Chancen gleichzeitig. Hätte sich der Westen, vielleicht unter Einbindung der Herren Putin und Erdogan, vor Jahren gemeinsam des Themas Syrien angenommen, wären wir sicher in einer anderen, besseren Situation als der aktuellen.

Europa ist auch ein Bündnis mit einem Bündel unterschiedlicher Sollbruchstellen. Was bedeutet ein Donald Trump als US-Präsident für die EU?

Frau Merkel jedenfalls hat sich erkennbar nicht über die Trump-Wahl gefreut und erklärt, auf Basis welcher Bedingungen, wörtlich: Bedingungen (!) man zusammenarbeiten könne. Interessant daran: Merkels „Bedingungen“ habe ich im Zusammenhang mit Erdogan noch nie gehört. Warum eigentlich nicht? Ich habe da so eine Ahnung. Fest steht: Europa muss sich mit Trumps Amtsantritt neu sortieren. Eindeutig.

Das tut die EU ja seit Gründung. In welchen Fragen denn?

Die gesamte Politik muss neu justiert werden. Höre ich zum Beispiel Herrn Juncker sagen: „ Wir werden Trump kennenlernen, aber er wird uns auch kennenlernen!“, spricht daraus die Überheblichkeit einer wirtschaftlichen Großmacht. Das militärische Europa hingegen ist in einem armseligen Zustand. Meine Prognose ist, dass Europa sich mehr auf Trump einstellen muss als Trump auf Europa.

In diesem Zusammenhang wünschte ich mir in Europa eine neue Politiker-Generation – nicht Geert Wilders, noch so einer mit Trump-Matte-, damit ich nicht immer und ständig die alten Gesichter Europas sehe – Juncker und Schulz. Ich wünschte mir ein Europa mit viel weniger Brüssel, viel mehr Deutschland, Dänemark, Holland und anderen, eigentlich das, was Charles de Gaulle als Europa der Vaterländer träumte. Ich wünschte mir eines ohne interne Grenzzäune, wie bisher. Aber auch ein Europa, das lange absehbare Bevölkerungswanderungen managen kann und nicht so tut, als wären Syrer, Afghanen, Libyer, Nord- und Zentralafrikaner mehr oder minder zufällig über uns gekommen, wie das zum Beispiel der CDU-Politiker Laschet herumposaunt. Zur Erinnerung: Ein gewisser Otto Schily regte 2004, also vor 13 Jahren, Registrier-Zentren in Nordafrika an. Walter Laqueur, einer der größten Zeithistoriker, schrieb 2006 sein seherisches „Die letzten Tage Europas“, und Carl Friedrich von Weizsäcker hat schon 1994 über absehbare Migrantenfluten öffentlich nachgedacht: „Der bedrohte Frieden – heute“. All dies haben heutige Politiker anscheinend nie gelesen.

Daraus folgt: Europa braucht neue Politiker, junge Leute, neue Gesichter mit neuen Impulsen und Ideen statt dieses -auf Deutsch gesagt – europäischen Bürokratenplunders. Genormte Bananen oder formatierte Gurken sind nicht mein Europa. Gefragt sind neue Gedanken, neue Konzepte. Das derzeitige Brüsseler EU-Europa hat keine Zukunft.

Säßen wir in zwei Jahren zusammen und sprächen rückblickend über zwei Jahre Amtszeit von Donald Trump: Was genau bilanzierten wir?

Wir bilanzierten, dass zwischen Merkel und Trump keine Freundschaft entstanden ist und wir Europäer weltpolitisch deutlich weniger gefragt sind. Wir bilanzierten weiter, dass Trump die Außen- und Wirtschaftspolitik Amerikas ganz entscheidend verändert hat: Auf verschiedenen Baustellen – in Südamerika, Osteuropa und im Nahen Osten – wird er mit Putin ein Übereinkommen gefunden haben. Trump wird Putin vielleicht umschmeicheln, aber er wird mit ihm zu Deals kommen, was ihm auch gelingt angesichts der militärischen Überlegenheit Amerikas. Hoffentlich sind das Deals, die nicht zu Lasten der Demokratie gehen.

Die wünsche ich mir nicht.

http://meedia.de/2017/01/11/unertraeglich-unprofessionell-hans-hermann-tiedje-ueber-die-trump-berichterstattung-deutscher-medien/

 

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